• Claudia Traxl

Szenen aus der Arbeitssuche einer esoterischen Schreibtante

Aus dem wahren Leben gegriffen...

(Drei männliche Personen sitzen mir gegenüber, einer davon ist der Geschäftsführer, sieht irgendwie arrogant weltmännisch aus ... so als würde er schon vorab jeden Menschen, dem er begegnet, in eine Schublade stecken, aus der man nie wieder herauskommt ... mal sehen...?)

- Sie sind also ein bisserl esoterisch angehaucht? (Schublade schon gefunden! Ja, ich habe eine Ausbildung zur Humanenergetikerin abgeschlossen und die Frechheit besessen, dies auch in meinem Lebenslauf anzuführen.)

o Ja, wenn man das so formulieren will?

- Diese ganze Esoterik, da sind ja die Psychiater gar nicht gut drauf zu sprechen. (Wieso die Psychiater? Ich mache denen doch keine Konkurrenz...?)

o Man kann da aber nicht alles in einen Topf werfen. Außerdem ist das mein privates Interesse, das hat ja mit dem Beruflichen nichts zu tun.

- Was können Sie eigentlich, erklären Sie mir das bitte mal. Sie haben ja eigentlich außer der Matura nichts abgeschlossen.

o Ich habe gearbeitet. Ich bin immer mehr in die Arbeitswelt gerutscht und habe dann beschlossen, dass das Studium für mich nicht so wichtig ist. Also habe ich es nicht abgeschlossen. ... Ich kann schreiben, meiner Meinung nach. Wobei, diese Beurteilung liegt ja immer im Auge des Betrachters. Ich kann Spanisch, Französisch und Englisch auf Universitätsniveau, ich habe Erfahrung in Marketing, PR und Zeitungswesen. (Undefinierbare Reaktion des Gegenübers, ich kann nicht einschätzen, was er wirklich über mich denkt.)

- Wir geben unseren Bewerbern immer eine Aufgabe, um zu sehen, wie schnell sie arbeiten können. Hier sind drei Bilder von unseren Produkten (Urlaubs-Gutscheinboxen). Schreiben Sie dazu spontan drei Slogans, damit wir unsere Produkte attraktiv bewerben und besser verkaufen können. Nehmen Sie sich Zeit.

(Keiner der drei Herren macht Anstalten, sich zu erheben und mir den Freiraum für kreative geistige Arbeit zu geben. Drei Paar Argusaugen sind auf mich gerichtet, fixieren meine Hand, die etwas zittrig den Kugelschreiber hält, und meinen Kopf, der

sich krampfhaft über die Bilder beugt und angesichts der gegenwärtigen Situation versucht, nicht durchzudrehen und endlich den kreativen Denkprozess zu starten. ... Leere, Stille, nichts da ... Kein geistreicherGedankenblitz ringt sich dazu durch, endlich mein Gehirn zu verlassen und durch meine Hand auf das Papier zu fließen. Das wird wohl nix mit dem Job! ... Aber andererseits, will ich diese Arbeit überhaupt? Hier werden kreative Ergüsse mit Stasi-Methoden erzwungen und wehe, wenn sie sich dann nicht verkaufen lassen ... Dann wird man wohl des Öfteren in das Büro des selbstherrlichen, esoterische Tanten hassenden Chefs zitiert werden und muss seine Begründung für die mangelnde Wirtschaftlichkeit der eigenen kreativen Resultate offenlegen. ... Is‘ eh schon wurscht, schreib ich halt irgendwas hin ... )

- Naja, vielen Dank erst mal. Haben Sie noch irgendwelche Fragen?

o Nein, keine. (Bin gedanklich schon völlig demotiviert und fühle mich angesichts der offensichtlichen Ergebnislosigkeit der absoluten Unfähigkeit überführt.)

- Gut, Sie werden dann in der nächsten Woche verständigt, wie unsere Entscheidung ausfällt. Auf Wiedersehen!

o Vielen Dank! Auf Wiedersehen!

(Im Geiste habe ich mich schon so weit von diesem Job entfernt, dass ich nicht einmal mehr daran denke, überhaupt eine Absage wert zu sein, geschweige denn auch nur einen Gedanken an eine mögliche Zusage zu verschwenden. Denn würde ich, absolut unrealistische, utopische Umstände vorausgesetzt, in diese Situation kommen, dann müsste ICH diesem Unternehmen eine Absage erteilen. DENN: Mit welchem Selbstwertgefühl sollte ich bitte jemals einen ersten Arbeitstag überstehen? ... )

Verdammt! Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen! Denn es hat mir von einer Bewerbung auf diese Stelle vehement abgeraten. Leider war mein Kopf mal wieder lauter.

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